27. Juli 2005
Mittwoch

2. Tag

9:45 Uhr

Jetzt sitze ich hier irgendwo im Feld, Raben kreischen um die Wette. Ich male und die Fliegen brummen hier vorbei. Ich wusste gar nicht, wie laut die sind, außerdem sehen sie ganz anders aus, als unsere. Ist der Himmel hier heller? Sieht aus wie am Meer.

Hoffentlich treffe ich hier Niemanden. Ich werde noch zum Einsiedler. Am liebsten ganz alleine, ohne eine Menschenseele. Aber vermutlich wird mir das auch noch auf den Senkel gehen. Wäre ja wünschenswert, sonst hätte ich zu Hause größere Probleme, als ich eh schon hatte.

Komisch… sind die Fliegen hier zutraulicher??? Ich schreibe und sie setzen sich auf meinen Schreibblock. Fotos habe ich eben gemacht, ich hoffe, sie werden was.

Wünscht man sich Stille, Ruhe und Menschenfreiheit, passiert natürlich das Gegenteil!!

Jetzt sitze ich hier schon in der Pampa und war froh, alleine zu sein und habe gehofft und gebetet, dass das auch so bleibt und was ist?!? Menschenaufläufe… Nicht genug, dass ich eine Horde von Fliegen unterhalten muss, oder auch nicht, nein, man muss sich wieder seinen Artgenossen stellen. Obwohl das eigentlich schon wieder Sinn macht. Würde ich hier absolute Ruhe und Stille finden, wäre das wohl für mich nicht das Wahre! Vermutlich käme ich dann irgendwann gar nicht mehr klar mit den Menschen. Wenn ich so darüber nachdenke, ist es schon irre… das mir. Ob ich irgendwann total abdrehe?!? Jetzt werde ich mal wieder ins Kloster zurück gehen und schauen, was dort so lost ist.

13:35 Uhr

Im TShirt in der prallen Sonne auf der Terrasse sitzend, mit roter Haut, frage ich mich, ob das schreiben irgendwohin führt. Der Drang dazu ist enorm. Kindergeschrei nebenan, der Hausmeister fegt, weil  das TV erst heute Abend wohl kommt.

Tausend Gedanken schießen mir durch den Kopf. Weshalb weiß ich die Anzahl der Fußplatten auf dem Weg noch nicht? Was macht der Katzenhaufen schräg links vor meinem Zimmer? Weshalb brennt hier die Sonne stärker als ca. 100km weiter? Weshalb ist es so unbeschreiblich ruhig und still hier? Weshalb sind die Fliegen hier so laut und so zutraulich? Schön sehen sie aus, eben saß eine auf meiner Hand und ich war überrascht, wie kühl sie sich anfühlte.

Kann man seinen Rhythmus sortieren? Seine Gedanken planen? Muss man dazu meditieren? Und wer schreibt es eigentlich vor, WIE man meditieren muss? Kann man nicht seine ureigene ‚Art‘ dazu finden?

Heutefrüh lag ich schon früh wach und überlegte mir, ob ich an der 8:00 Uhr-Meditation teilnehmen sollte. Wird das denn erwartet? Ich bin eh alleine hier. Sollte ich nicht hier sein, um zu MIR zu finden? Weshalb also mache ich mir Gedanken, was man von mir erwartet? Gefallen wollen? Wozu? Lebt man immer nur, als Makel ‚Mensch‘ in einer Symbiose, die man erfüllen MUSS?

Der Sinn des Lebens… DAS ist Un-Sinn! Der Sinn MEINES Lebens, das ist Sinn! Der steckt in Jedem. Wenn man sucht, findet man nicht. Eine Antwort darauf gibt es auch nicht. Der Sinn des Lebens kann nur gefühlt werden. Intuitiv. Nicht mehr, nicht weniger.

Stellt sich die Frage, ob das Alles nur hohle Gedanken sind, oder aber doch einen Zweck erfüllen. Zur Not, oder zum Glück, doch nur meinen.

Tausend Gedanken…. Wie unreal ist eigentlich unser Leben? Wir bilden uns immer ein, das Jetzt und Hier wäre real. Aber ein Haus weiter, ein Zimmer weiter, ist die Realität eine ganz andere. Also wie kann man behaupten, das Hier, das Jetzt ist real? Ist das nur eine rein subjektive Sache? Wozu es dann global betrachten? Sage ich ‚MEIN Hier und Jetzt“, stimmt es ja wieder.

Ist die Sprache ausschlaggebend für unser Denken? Beeinflusst unsere Sprache, den Umgang, die Art, wie wir denken?

Taucht man ab in die Gefilde der Gedankenwelt, verläuft man sich. Da ist die Frage dann immer wieder vorhanden, in wie weit kann ich meine Gedanken sortieren?

Jetzt wird gefegt und geputzt und aufgeräumt, fürs TV. Aber nachher kommt das Fernsehen doch nicht. Wie weit bin ich Pessimist?

17:03 Uhr

Eben gerade habe ich einen der beiden Lamas kennen gelernt. Ich bin beeindruckt!!! Sollte ich nun bei der Meditation heute Abend mitmachen? Irgendwas sträubt sich in mir. Vermutlich entwickele ich eine Antipathie gegen Zwänge. Oder es ist wirklich das Ungewohnte, Unbekannte. Alleine möchte ich das nicht, da fühle ich mich unsicher. Ich möchte nur meine Ruhe, alleine sein, nachdenken, schreiben und malen. In mich horchen, ich möchte nicht Müssen.

Mein Sonnenbrand ist extrem und tut weh. Gott sei Dank (dass ich das in einem Kloster so schreibe: ‚Gott sei Dank’…) ist G. die gute Fee [Reinemachefrau] mit mir in den Nachbarort gefahren und ich konnte mir Sonnencreme kaufen.

Mittlerweile sind hier viele Menschen und meine Ruhe ist hinüber. Was also soll ich machen?

Ich frage mich bei dem ganzen Glaubensbekenntnis, ob das meine absolute Richtung überhaupt ist. Das verwundert mich, denn bisher dachte ich immer, Buddhismus wäre ‚mein‘ Ding. Aber dem ist gar nicht so. So stelle ich das allmählich fest. Eigentlich erschreckend, weil ich viele Jahre davon ausging. Aber es wird auch eine Menge klar und Vieles erledigt sich so von selbst. Allerdings muss man sich dann auch wieder neu finden, was bedeutet, dass man wieder von Neuem auf die Reise gehen wird und/oder auch muss.

Ich frage mich nur, weshalb mich das jetzt so aus der Bahn wirft und mich total deprimiert. Im Grunde sollte es mir egal sein und ich sollte mich freuen, dass für mich etwas Wichtiges  klarer geworden ist. Vielleicht bin ich auch mehr Christ, als ich dachte und habe das nur nie erkannt. Alles Fragen über Fragen, deren fehlende Antworten mich unsicher machen. Wie tief kann man einen Glauben anerziehen? Wird man den jemals wieder los, auch dann, wenn man von selbst will, oder ist der tief in einem so verwurzelt, dass das nicht geht?

Elmar sagte mal, dass dieser Glauben, seinem am nächsten käme. Zuerst hat mich diese Aussage verwundert, weil ich dachte, entweder glaubt man christlich, oder buddhistisch, oder islamisch, wie auch immer. Aber nun verstehe ich das absolut und kann es auch nachvollziehen.

Ich möchte mit meinem Glauben zu rein gar nichts gezwungen werden. Entweder ich entscheide mich aus freien Stücken, oder ich entscheide mich dagegen. Man kann keinen Menschen zu irgendetwas zwingen, egal zu was.

Sollte das Leben aus absoluter Doppelmoral bestehen, überall?
[…]

Woran erkennt man, wenn man eigenverantwortlich für seine Gefühle ist? Woran erkennt man das? Kann man seine Gefühle wirklich steuern? Kann man einfach sagen „Ich will nicht!“, obwohl man doch will? Beeinflusst mein Kopf-Nein-ich-will-nicht-Gedanken, mein Gefühl ‚Ja ich will‘? Was ist denn stärker? Richtet sich das danach, was für ein Typ Mensch wir sind? Und was bedeutet eigentlich ‚was für ein Typ Mensch‘? Welche Unterschiede gibt es? Haben Kopfmenschen keine Gefühle, oder nehmen sie diese, also auch sich selbst, einfach nur nicht ernst? Haben Gefühlsmenschen kein logisches Denkvermögen mehr, oder stecken sie einfach den Kopf in den Sand und warten ab, was logischerweise passieren muss? Also sind Gefühlsmenschen weltfremder als Kopfmenschen?