29. Juli 2005
Freitag

4. Tag

9:40 Uhr

Im Tempel wird noch gebetet, ich sitze auf meiner Holzbank, trinke meinen Kaffee und höre Trommeln und Beckenklirren.

Bin gerädert. Irgendwie schlafe ich nicht gut. Habe mir vorgenommen, dass ich mir heute nicht so einen Stress mache, wie gestern. Eben dachte ich, ob da meditieren hilft. Aber ich denke, Jeder hat da seine ureigene Art, sich zu sammeln und zu besinnen.
Genaue Vorschriften finde ich unpassend, lassen keinen Spielraum, sich selber kennen zu lernen. Hilfestellungen kann es geben.

Trommeln und Beckenklirren erzeugen in mir momentan kein entspannendes Gefühl. Bisher ist mir das gar nicht so aufgefallen, aber ich denke, es wird schon einen Grund haben, weshalb ich solch eine Meditationsstunde oder Gebetsstunde nicht besuche. Vielleicht ein anderes mal. Das wird, so hoffe ich, nicht das erste und letzte mal gewesen sein, dass ich hier bin.

So langsam versucht sich die Sonne durch zu kämpfen. Wäre toll, wenn es heute wieder sonnig werden würde.

Ich frage mich gerade, wie sehr ich mich abschotte. Ob man das hier akzeptiert? Aber vermutlich wäre schon etwas gesagt worden. Muss man denn an verschiedenen Leben teilnehmen? Kann man nicht einfach mal daneben stehen und das war’s? Muss man immer mittendrin stehen und mit mischen? So oder so, es gibt Extreme.
Der Eine, der auf allen Hochzeiten tanzen muss, nichts auslassen kann und Angst hat, er würde etwas verpassen, was sein leeres Leben irgendwie füllen könnte. Der Andere, der sich von Allem abwendet, für Nichts mehr einen Blick hat, den Nichts mehr interessieren kann, dem Alles weltliche zuviel und zuwider ist. Zu keiner Sorte gehöre ich. In jedem Leben gibt es solche und solche Phasen. Die erstere habe ich eh schon hinter mir. Und was hat sie gebracht? Erfahrungen und die Weisheit dass ein Hetzen nach innerem Reichtum nichts damit zu tun hat, was man Alles macht und „mit nimmt“. Weisheit kommt mit dem Leben, den gemachten Erfahrungen, vor allem aber nur dann, wenn man sich nicht verschließt.

12:00 Uhr

Eben habe ich Unkraut gezupft. Eine tolle Arbeit! Wenn sie nur etwas länger dauern würde. Ich frage D. schon immer, ob ich ihm helfen kann, aber ich darf nicht, ich soll mich ausruhen und Urlaub machen. D. arbeitet wie ein Wilder, und das als Hausmeistergehilfe. Das ist unglaublich. Ich denke, er ist mehr Buddhist in seiner Art, als er weiß. Von Grund auf ein lieber Mensch. Also nehme ich sein „Nein“ jetzt mal so hin und warte auf kleine Momente, in denen ich dann doch mal etwas machen kann.
Die Sonne schafft es heute nicht ganz raus und es sieht nach Regen aus. Dabei wollte ich mich noch etwas sonnen, den Gedanken nach hängen, die Natur hören und einfach nur da sein.

Jetzt habe ich mal den Platz gewechselt, von der Holzbank auf die Terrasse und bekomme natürlich auch hier direkt Besuch von meinem „Flugvolk“. Eine Schnecke kriecht unter dem Tisch, mehr schlecht als recht und ich frage mich, ob ihr das nicht irgendwie unangenehm ist auf den Betonplatten. Irgendwie scheint sie nicht voran zu kommen. Ich starte eine Rettungsaktion!!!

So, erledigt. Man, den Schleim kriegt man ja gar nicht mehr von den Fingern! Da hilft ja kaum noch was. Bis dato hat sie sich noch nicht wirklich von dem Steinchen bewegt, auf dass ich sie gesetzt habe. Hoffentlich habe ich sie nicht umgebracht. Nachher werde ich noch mal schauen.

Jetzt ist hier soweit Alles wieder ruhig, die Sonne ist da und ich überlege mir, ob ich mir ein Sonnentop anziehen soll. Aber nachher empfindet man das hier als nicht angebracht.

16:25 Uhr

Habe in der Sonne gedöst und bin eingeschlafen… Eben etwas gegessen und nun sitze ich mit meinem Kaffee wieder in der Sonne und schreibe. Der Tisch hier ist noch halb nass und gerade kam eine Wespe. Bienen gibt es hier ohne Ende, die ich auch ständig beobachte, aber Freitagnachmittag arbeiten die wohl nicht mehr so viel, das Brummen und Summen ist kaum zu hören.

Eben habe ich den Lama am Mülleimer getroffen. Wir haben uns nett unterhalten, soweit das auf englisch möglich war und dann ist er wieder in sein Reich verschwunden. Ein Mensch mit einer besonderen Ausstrahlung. Wenn man ihm gegenüber steht, geht einem das Herz auf. Da kann man erleben, wenn ein Mensch mit sich uns Allem in Frieden und im Einklang ist.

Das Buch „Der leere Spiegel“ habe ich fast zu Ende gelesen. Schade, denn es war wirklich gut!

Mittlerweile kommen auch Schmetterlinge näher. Freut mich und ich beobachte sie. Wie sie hektisch umherflattern. Welche Unterschiede es doch in den verschiedenen Arten gibt. Bienen und Hummeln haben eine ruhige Art, Fliegen sind schon hektischer, schneller, Schmetterlinge leichter aber auch hektisch. Und die Libellen hier? Die sind voller Energie und geben richtig Gas, haben aber auch eine gewisse Erhabenheit und Gelassenheit.

Das Kloster habe ich jetzt für mich allein und außer den Nachbarn, ist es wieder total ruhig.

**

Manchmal weiß man mit sich nicht wirklich etwas an zu fangen und dann macht das schreiben auch nicht so einen Spaß. Die ganze Zeit huschen die Schatten der Schmetterlinge über mein Papier, über den Tisch, aber anhalten und sich mal hinsetzen, gepflegt unterhalten, das ist nicht drin. Vermutlich habe sie „Spätschicht“ und noch Einiges zu schaffen…

Noch drei ganze Tage habe ich hier. Dass ich das die ersten Tage hier so überstanden habe, ohne großes Theater zeigt schon, dass man doch älter geworden ist, als man wohl dachte.

In der Pfütze auf dem Tisch schwammen zwei Käferchen. Keine Schönheiten auf den ersten Blick, aber wer ist das schon wirklich? Ich denke nicht, dass sie zum Vergnügen ein Bad nahmen. Mit einem gezielten Bleistift-Kopfsprung habe ich sie rausgefischt. Auf dem Trockenen haben sie sich kurz erholt, Flügel raus und weg waren sie. Ein Wort des Dankes? Nein. Oder ich habe es nicht vernommen. Mag auch sein. Jedes Wesen hat ein Recht auf Leben und wenn man es retten kann, weshalb nicht? Ins Schicksal eingreifen? Irrtum! Wenn es so hätte sein sollen, dann wäre ich z.B. nicht da gewesen und hätte sie nicht gesehen und das Gefühl gehabt, sie retten zu wollen.

18:05 Uhr

Jetzt habe ich ein paar Fotos gemacht. Das Buch habe ich zu Ende gelesen. Habe ein Telefonat geführt, bin angerufen worden. Aber ich hege keinerlei Ambitionen was Männer angeht. Wozu auch?

Die Bienen haben doch nicht frei. Sie brummen immer noch beschäftigt im Lavendel rum.

Heute ist mir aufgefallen, dass es schwer werden dürfte, wenn ich wieder zu Hause bin, mich dort wieder ein zu finden. Der ganze Lärm und die alte Wohnung mit den Erinnerungen von Ed. Wenn ich wieder da bin, werde ich versuchen, die Wohnung zu renovieren. Eine andere Farbe und vielleicht im Wohnzimmer was verändern. Die ganzen Erinnerungen müssen da raus. Ich habe darauf keine Lust mehr.

Aber erst mal genieße ich die paar Tage hier. Ich merke schon wieder, wie ich nervös werde und die Gedanken sich drehen. Wie bei einem Wirbelsturm, der sich langsam aufbaut und zuerst anfängt sich leicht und behäbig zu drehen und dann immer heftiger wird. Das Buch war immer eine gelungene Ablenkung und die Bücher, die ich jetzt noch hier habe, gefallen mir nicht sonderlich. Es riecht nach Regen und bevor es los geht, gehe ich lieber noch mal schnell eine Zigarette rauchen [im Klosterbereich ist absolutes Rauchverbot und man muss vor das Gelände, dort gibt es so etwas wie eine „Raucherecke“]. Mit der Sucht kann ich wohl auch nicht aufhören.

20:43 Uhr

Jetzt regnet es draußen extrem und ich sitze in meiner Kammer, habe alle Lichter an und die Türe verrammelt. Ich denke, noch mal werde ich so was nicht alleine machen. Helfen könnte mir hier Niemand, würde hier was passieren, aber daran denke ich nicht mal.

So kommt Eins zum Anderen. Ich habe eine sms von Ed bekommen, in dem er schreibt, dass er wohl meinen Ehering nicht mehr hat. Wenn ich drüber nachdenke, dann zeigt das schon, wie unterschiedlich wir sind, immer schon waren. Dass es für ihn keinerlei Wert hat, ihm egal ist, was war und er Alles weg wischt, als wäre nie etwas gewesen. Dabei lassen sich Tatsachen, dass man verheiratet war, gar nicht leugnen.

Es gibt viele Menschen, die ich kennen gelernt habe, denen ich freundschaftlich etwas bedeute und die Interesse an mir als Menschen haben. Die Menschen sind absolut unterschiedlich, nur manchmal erkennt man es erst wirklich, wenn solche Situationen auftreten, Verbindungen beendet werden, wie auch immer, dann zeigt sich, wie Jemand wirklich gestrickt ist.

Dass mir so viele Menschen freundschaftlich verbunden sind, habe ich nicht gedacht, aber seit dem ich hier bin, habe ich viele Überraschungen erlebt. Auch einige Enttäuschungen, aber das Positive überwiegt und so wird es auch bleiben.

Den Abstand, den ich hier gewinnen kann zu Allem, sollte ich nutzen. Wie wichtig und wertvoll meine Eltern sind und auch geworden sind, habe ich die letzten Wochen gemerkt, vor allem auch in dem was sie für die Kleine tun, aber eben auch für mich.

Ich werde mich gleich ins Bett legen und hoffen, dass morgen der Regen aufhört. Möchte so gerne noch etwas in der Sonne sitzen, dösen und nicht eingesperrt sein hier. Aber selbst dann wäre es erträglich. Aber die Frage dann, ob ich nicht besser nach Hause fahren könnte, stellt sich mir ein bisschen. Aber das ist nicht in meinem Sinne. Also hoffe ich darauf, dass es hier weiterhin so eine schöne ruhige stille Zeit mit viel Sonne sein wird, die ich wirklich genießen kann.

Ich überlege schon, was ich machen werde, wenn ich wieder zu Hause bin.

**

Weshalb kann man von einer Sekunde in die andere, in verschiedene Realitäten abtauchen? Gerade noch in einer kleinen Ed-Depri-Phase und dann ruft Jürgen an, auf der Raststätte, auf den Weg in den Urlaub, weil ich ihm vorher eine deprimierte sms geschickt habe, dass es mir nicht gut geht.  So springe ich in die Realität, dass