30. Juli 2005
Samstag

5. Tag

9:13 Uhr

Letzte Nacht hat es ziemlich heftig geregnet. Die Türe schließe ich immer zu. Abends fühle ich mich doch nicht so wohl, wie vielleicht normal wäre, dank der etwas unüberlegten Bemerkung der Sekretärin, dass mal eingebrochen wurde  [was sich später aber Alles geklärt hatte und gar nicht so war].

Ich habe Gesternabend noch eine sms von Elmar erhalten. Es geht ihm wohl nicht gut. Aber er wollte auch nicht damit rausrücken, was er hat. Man kann Niemanden zwingen, etwas von sich selbst und seinen Problemen preis zu geben. Aber wenn Jemand da ist, der sich für einen interessiert, sollte man das annehmen können. Man kann sein Leben nicht verstecken und verjagen. Und alleine schafft man eh Nichts. Alle Menschen auf diesem Planeten leben in einer Verbindung und Abhängigkeit. Ob gefühlsmäßig, materiell oder gesellschaftlich. Wirklich freie Menschen gibt es nicht. Vielleicht ein paar die nicht abhängig sind von anderen Menschen, aber von der Natur alle male.

Letzte Nacht habe ich von Ed geträumt. Aber eben nicht so wie sonst immer. Der Traum war nicht mehr belastend, traurig und frustrierend, nach dem aufwachen wie sonst. Sonst konnte ich das nur schwer ertragen und hatte tagsüber damit zu kämpfen. Heutefrüh war es absolut ok, hat nicht mehr meine Gefühle durcheinander gebracht und fühlte sich absolut neutral an. Das zeigt mir nur, dass ich jetzt auch im Unterbewusstsein drüber bin. Ein Grund zur Freude!

Die Schnecke hat es überlebt, war eben gucken. Sie ist von dannen gezogen.

Jetzt fegt hier ein kalter Wind, so dass ich meine Jacke holen musste. Momentan sitze ich noch im Schatten, aber das wird sich gleich ändern, wenn die Sonne ums Kloster wandert. Hoffentlich wird es wärmer. So wie gestern. Dann kann ich mich wieder in der Sonne aalen. Dass ich so zum Sonnenanbeter geworden bin, wundert mich. Früher habe ich die Sonne nicht vertragen.

Der Teich steht jetzt in der Sonne. Fisch müsste man sein. Morgens und Abends im kühlen Nass, Sonne den ganzen Tag, windgeschützt und immer was zu essen, ohne etwas dafür wirklich tun zu müssen. Aber abhängig sind sie auch, von der Achtsamkeit des Klosters, dass sie regelmäßig gefüttert werden.

Wenn ich es mir recht überlege, steht Alles zu Allem in einer Abhängigkeit. Wir zu unseres Gleichen, zur Natur, die Erde zur Sonne, die Sonne zum Universum. Würde das Alles nicht ineinander funktionieren, gäbe es uns gar nicht, was wohl auch kein großer Makel wäre, dann wäre die Erde immer noch ein Klumpen flüssige Lava und würde durch das Universum eiern, oder auch nicht. Die Frage ist, ob das so oder so „geplant“ war. Sonne, Erde, Menschen, Gefühle, Liebe, Leid usw. Kann ich mir nicht recht vorstellen. Und jetzt aus einem „Fehler“ heraus, sitzen die Menschen auf einer kleinen eiförmigen Kugel und erfinden unnützen Kram und Spielchen und entwickeln Anomalien. Werden immer unzufriedener und erfinden so etwas wie Politik, Industrie, Gesellschaftsregeln, Gesetze, Normen, Rechte und Pflichten, um überhaupt ein bisschen miteinander leben zu können. Wie Tiere, die zu hoch gezüchtet wurden, ist die Menschheit geworden. Klare Grundlagen im Umgang miteinander, Grundregeln, wie sie in Jedem von uns stecken, werden verdrängt. Es gibt sie nicht mehr und wir brauchen Regeln & Co. von Außen.

Alles ist auf das Außen gerichtet und selbst in den eigenen vier Wänden geht dieses Spiel noch weiter. Abgesehen von unserem Innen selbst, aber selbst da geht es weiter. Die Natur kümmert sich einen Kehricht darum, welche Vorstellungen wir von etwas haben, welche Wünsche, Bedürfnisse und Gedanken. Sie ist einfach da, weil sie in einer Bindung zur Erde steht. Ohne wenn und aber. Wir sind größenwahnsinnig und machen uns Alles Untertan und sehen unsere Bindung nicht mehr. Anstatt kleinlaut und demütig zu sein, vernichten und plündern wir und fühlen uns da auch noch im Recht.

Der Mensch ist nichts Anderes als ein etwas anders geratener Baum, eine Blume, ein Grashalm, ein Stein. Wir haben in der Entwicklung einen anderen Weg genommen, weshalb auch immer. Das macht uns aber noch lange nicht zu etwas Besserem oder Besonderem. Unterschiede in der Natur gibt es auch zu Haus, also weshalb ist unsere nur etwas besonderes?!? Wer wirklich denkt, dass die Entwicklung zum Menschen gewollt, geplant und etwas Besonderes wäre, irrt sich für mein Verständnis. Geplant war nie etwas. Nicht die Menschen, nicht die Natur, nicht die Erde und auch nicht die Sonne.

Wer sagt denn, dass das Alles real ist? Unser Bewusstsein kann uns genauso irren, wie ein Traum. Wer sagt, dass die Träume nicht die Realität sind und unser Wachzustand unser Schlaf ist?

Nichts ist real und Alles ist relativ und nichts von dem, was wir gerade Jetzt erleben, muss real sein. Wir dürfen nicht Allem was wir fühlen eine Bedeutung beimessen, als hing das überleben der Menschheit davon ab. Wahrnehmen und darüber nachdenken ist etwas anderes, hinterfragen ist wichtig.

Jeder bastelt sich seine Welt auf einem gemeinsamen Planeten.

12:43 Uhr

Die Sonne kommt und geht, zwei neue Besucher sind hier und der Lama hat wieder das Gespräch mit mir gesucht und gefragt, ob ich diese momentane Stille benötigen würde. Er war erstaunt, weshalb auch immer, als ich zustimmte. Mein Englisch reicht leider nicht dafür aus, so eine, meine Phase zu erklären. Leider. Die Frage ist, ob man generell reden muss. Ich hatte eher das Gefühl, als verstünde er mich vollkommen. Manchmal ist ein Schweigen mehr wert und aussagekräftiger, als jede Rede. Auch wenn sie noch so arglos und positiv gemeint sein sollte.

Bis jetzt hat es noch nicht geregnet. Die Rasenmäher in der Nachbarschaft dröhnen um die Wette und als ich heutefrüh in der Kirche war, fegten emsige Hausfrauen die Strasse und zupften Unkraut. Man könnte fast der Vermutung erliegen, dass es hier ein absolut idyllisches Fleckchen ohne Leid ist, an dem Alles in Ordnung ist. Aber das wäre trügerisch, denn das was man sieht, bedeutet nicht, dass es die Realität ist.

[…]

In wie weit hat man für seine Mitmenschen, wenn es um Gefühlsdinge geht, die Verantwortung? Macht sich Jemand Hoffnungen, die man nicht erfüllen kann, dann liegt es in meiner Verantwortung, dafür Sorge zu tragen, dass der anderen Person nicht so viel Herzleid geschieht, in dem dass sie zurück gewiesen wird. Wie oft muss man einen Menschen dann darauf hinweisen, wie die Realität aussieht? Nach 6 Jahren Beziehung zu Ed musste ich aufgeben. Er hätte vermutlich ewig so weiter gemacht und hätte nie etwas verstanden von den ganzen Hinweisen. Wie gerne machen sich die Menschen etwas vor? Bilden sich etwas ein und merken nicht, wie viel Leid sie sich und damit auch Anderen zufügen?

In Gefühlsdingen sind fast alle Menschen Neandertaler und folgen ihren einfachsten Grundprogrammen (wie doppelmoralisch, wenn man bedenkt, wie der Mensch sich über Alles stellt), die sie in sich tragen. Ein einfaches Denken, dass zum eigenen Sinn und Zweck dient, was nicht verkehrt wäre, würde es auch die entsprechende Verantwortung Anderen gegenüber mit ein beziehen. Aber der Mensch ist Egomane und denkt nicht daran, was er gedankenlos aus Eigennutz anrichten kann.

**

Nun war ich also heutefrueh in der Kirche. Meine Sucht trieb mich in den einzigen Laden im Dorf, in dem ich mir meine Zigaretten und ein Vollkornbrötchen kaufte. Freundlich grüssend überquerte ich die Strasse. Ich wurde begutachtet und Jeder wusste, dass ich dort nicht wirklich hingehöre. Die Kirche vor mir, das Kirchentor stand weit offen. Meine Mam hatte erzählt, als sie mich dort hin fuhren ins Kloster und dann auch mal in der Kirche waren, dass es dort wunderschöne Fensterbilder, Mandalas geben würde (ich hatte Draußen gewartet), die ich mir mal anschauen sollte. Nun stand ich also vor der offenen Kirche und wollte wissen, wie diese Mandalas aussahen. Bisher hatte ich Kirchen seit Jahren gemieden, weil mir die sachliche Kühle nie gefiel. Aber ich wollte mich testen und erfahren, wie ich nun Heute, gerade Jetzt fühle, wenn ich in einer Kirche stehe. Im Gemäuer der alten Konventionen, der anerzogenen Konfession. Ich ging also hinein und tauchte die Finger wie automatisch in das Weihwassertöpfchen. Huch…. sah eher aus, wie eine Seifenschale einer gläubigen Omi, die jeden Tag in die Kirche eilt und der Kirche das Schälchen gestiftet hatte. Neugierig schaute ich mich um und entdeckte ein zweites Seifenschälchen. Die Wahrscheinlichkeit einer Spende des Ömchens war somit hinfällig. Altrosa Schälchen in einem uralten Weihwasserbecken. Irgendwie irritierend und doch beruhigend.

Ich schaute mich als weiter um und stellte fest, dass es gar nicht mal so unangenehm wie früher sonst immer, war. Für 35 Cent konnte man eine Gedenkkerze anzünden, was ich dann auch tat. In der obersten Reihe standen wenige Kerzen. Meine stellte ich aber in die mittlere Reihe und mittig rein. Rebellisch war ich schon immer, auch hier. Wenn schon, denn schon! Dann entdeckte ich ein aufgeschlagenes Buch. Ich ging näher und entdeckte dass es ein Buch für Fürbitten, Danksagungen und Wünschen war. Leicht verunsichert und ehrfürchtig habe ich darin gelesen. Tief traurig wird man da und man erkennt, wie gut es einem Selbst doch geht. Wie viel Leid und Schmerz, Trauer und Verzweifelung Menschen ertragen müssen und weiter fühlen und erfahren werden.

Die Frage wie wir mit Leid umgehen, in ganz konkreten Fällen, in dem Moment, wenn er auftritt, ist ausschlaggebend dafür, wie sehr wir leiden.

Nun habe ich also in der Kirche gestanden und blätterte in dem Buch. Das andere Menschen auch Leid und Schmerz ertragen und erleiden müssen, ist mir ja klar. Aber es ist etwas Anderes, wenn man die unterschiedlichen Handschriften, Farben der Stifte und manchmal auch die Zittrigkeit sehen kann. Ich ärgerte mich, dass ich keinen Stift dabei hatte, obwohl ich mich wunderte, dass dort kein Stift au