31. Juli 2005
Sonntag

6. Tag

12:11 Uhr

Kaiserschmarrn ist ein Schmarrn. Total verkokelt, schwarz und matschig. Habe ich  wegwerfen müssen. Aber dafür riecht es jetzt klasse hier in der Kammer.

Draußen ist es stürmig und wechselhaft. Eben habe ich gesehen, dass der Mann mit dem Wohnmobil ein BM-Kennzeichen hat. Die Welt ist eben doch winzig!

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Wie weit kann man von seinen Vorstellungen und Wünschen, was das zwischenmenschliche angeht, abrücken und trotzdem zufrieden und glücklich sein? Hat man keine genaue Vorstellung oder Erinnerung, ist das einfaches. Aber Jeder hat seine Schablone in sich, auf welchen Typ Mensch er „anspringt“. Diesem Gefühl sollte man auch vertrauen, solange es sich noch in einem realistischen Rahmen abspielt.

14:25 Uhr

Ich lese gerade ein anderes Buch, in dem es darum geht, sich den Prinzipien des Buddhismus zu verpflichten. Mitgefühl, Hilfsbereitschaft usw. im Sinne von Buddha. Ist ja schön und gut, aber im Sinne von Anbetung usw. wohl irgendwie für mich nicht das Wahre. Meditieren, beten und das Alles ist auch ok. Aber: Vorschriften über Vorschriften, wie man beten, wie man meditieren soll, was man beten soll, welche Worte ausgesprochen werden sollen usw.. Im Grunde ist das nicht viel anders als in unserem Glauben. Zwar gibt es im Buddhismus Freiheiten, aber auch wie in unseren verschiedenen Glaubensrichtungen, gibt  es hier auch verschiedene Richtungen. Wobei mich persönlich stört, dass ein vormals lebendiger Prinz angebetet wird, der Alles verlassen hat, um zu helfen und erleuchtet wurde. Kann sich eine ganze Glaubensrichtung danach bewegen? Machen die Christen das nicht auch mehr oder weniger? Wobei Buddha wirklich gelebt hat und es auch realistischer ist, als Jesus, der teilweise als Gott angebetet wird. Empfinde ich so. Aber letztendlich tut sich da nicht besonders viel. Nur das im Buddhismus die Menschen ehrlicher und einfacher zu sein scheinen und nicht so doppelmoralisch sind. Aber der Eindruck kann täuschen, wie überall.

Das Gefühl, dass diese Religion spiritueller ist, als unsere, ist nicht so schwer. Alleine die Begriffe klingen melodischer als bei uns.

Der Dalai Lama schrieb sinngemäß, solange wir Mitgefühl, Achtsamkeit, Respekt und Liebe für unsere Mitmenschen entwickeln, brauchen wir keine Religion, keine Tempel usw., unser Herz und unsere Seele sind unser Tempel. Mehr braucht man dazu nicht zu schreiben, zu sagen, zu denken!

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Manche Menschen wissen nicht, was in ihnen schlummert, wohl die meisten nicht, weil sie sich von ihren erlebten Erfahrungen und Verletzungen nicht befreien können.
Dabei, so habe ich hier gelernt, ändert unsere Trauer, unser Schmerz, unser Leid, das wir fühlen, nichts an den Umständen und der Tatsache, dass es so ist wie es ist.
Unser Schmerz verändert nicht die Lage, in der wir sind, dreht die Zeit nicht zurück. Das einzige, was uns hilft, ist die Erkenntnis, es beim nächsten mal anders zu machen. Man kann nicht alles Leid abwenden, aber eben daraus lernen, wie man damit umgeht und die Gefühle anders leitet und nicht mehr leidet. Einfach ist das nicht, aber es funktioniert wirklich und ist tröstlich.
Auch die Visualisierung, wenn man sich in einer schwierigen Situation befindet, dass man ganz bewusst denkt und sich sagt, dass man diese Situation meisten will und auf sich nimmt, so dass andere Menschen, die in eine ähnliche Situation gelangen, nicht mehr so leiden müssen, ist hilfreich. Stellt dann aber die Frage in den Raum, leiden diese Menschen dann nicht mehr so, weil diese Erfahrungen schon mal durchlebt und gelöst wurden und so auf alle Menschen übergeht, oder aber ist das Leid was ich dann ganz bewusst auf mich nehme, auch das der Anderen, welches ich dann ertrage und ihnen abnehme?
Ich nehme das auf mich, damit andere Menschen später mal in einer ähnlichen Situation nicht mehr genauso leiden müssen.

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15:48 Uhr

Der Wind fegt hier ganz schön. Den Grillen scheint das zu gefallen, die machen richtigen Krach. Die Sonne scheint und es ist recht laut durch den Wind.

Tja, morgen noch und dann ist diese Woche auch wieder vorbei. Die Zeit rennt und Nichts ist für die Ewigkeit. In 5 Jahren wird Niemand mehr wissen, dass ich hier war. Alles ist vergänglich und wir halten uns an vermeintlichen Kleinigkeiten auf, anstatt etwas positives für die Zukunft zu tun und für die Menschen, die z.B. in 5 Jahren hier sind. Es gibt wohl nicht so viele Menschen, die ihr Leben danach ausrichten, bzw. dem Wohle Aller widmen. So was hat Bestand und daran wird man sich auch erinnern.

Ich überlege mir heute schon den ganzen Tag, wie ich meiner Tochter so etwas vermitteln soll. Kinder sind materiell eingestellt. Ganz davon los sagen kann man sie nicht. Ihr Leben hängt gefuehlsmäßig von Kleinigkeiten ab, ich weiß ja noch wie es bei mir war, in ihrem Alter ungefähr.

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17:53 Uhr

Das Wetter zwingt mich zum Kammer-Tag. Zuerst hatte ich ja schon Probleme hier in der Kammer, aber wenn man will, gewöhnt man sich an Alles! Mittlerweile ist es richtig ok.

Das Leben kann trotz allem Schmerz und Leid recht schön sein, auch gerade dann, wenn man akut am leiden ist.

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Habe schon Einiges eingepackt, Kaffee gemacht und Fotos von mir. „mal im Kloster“ wer hätte das jemals gedacht? Der BM’ler ist weiter gefahren. Die Sonne ist wieder da, aber es hat geregnet. Also wieder raus? Langsam wird es wirklich schräg. Es ist auch kalt und das ständige raus und rein hat schon für einige Nießereien gesorgt.

Da fällt mir ein, dass mein Flugvolk heute gar nicht so penetrant war. Ob es denen zu windig ist?

Gesternabend wäre ich beinahe auf zwei Schnecken getreten. Eine dunkle vorne und eine hellere direkt hinter ihr. Sah komisch aus. Ob die solche Kolonnen öfters machen? Wo die wohl hin wollten. Sie krochen Richtung Terrasse, vom Teich weg. Eigentlich sollte ich mal täglich meine Schuhe kontrollieren. Man weiß ja nie.

19:10 Uhr

Habe noch Fotos gemacht. Jetzt ist es aber so kalt, dass ich Mühe habe zu schreiben, so kalt sind meine Finger geworden, richtige Eiszapfen.

Heute kam auch Besuch und der ist aber mit dem Lama ins Kloster verschwunden. So habe ich hier wieder meine Ruhe. Im Nachhinein kann ich nur sagen, dass mein Wunsch nach absoluter Stille und Ruhe vollkommen respektiert wurde. Das macht mich schon sehr zufrieden und froh, weil ich mir anfangs noch gar nicht sicher war, ob das hier gewollt ist.

Buddhismus kann eine sehr friedvolle, auch zurückhaltende und stille Achtsamkeit Allem gegenüber sein, die Geduld hat und warten kann. Mitunter erreicht man so mehr, als wie mit Zwang und Drängeleien. Es wäre aber verkehrt anzunehmen, dass abwarten eine Form mit Hintergedanken wäre. Den gibt es hier nicht. Es wird respektiert und etwas so genommen wie es ist.

Ich denke, wäre ich noch ein paar Tage länger hier, würde ich auch bei den Meditationen mitmachen. Aber momentan ist meine Zeit noch nicht ganz reif dafür.

Ich habe das Dank Elmar hier entdeckt und gewagt und vor allem dank meiner Eltern überhaupt erst wagen können und bin sehr froh darum. Ich habe viel gelesen, gemalt, mich absolut zurück gezogen von Allem, die Sucht nach Zigaretten nicht dran gegeben, viel Radio gehört, viel Positives erfahren, viel über mich gelernt, liebe Menschen getroffen und an einem überaus spirituellen Ort einige Tage gelebt.

Misstrauen ist kein guter Wegbegleiter. Vorsicht im gewissen Sinne ist für uns normal lebende Menschen wohl ein Schutzfaktor, der in uns steckt. Blinder Optimismus und Gutgläubigkeit sind zwar irgendwo auch löblich, aber nur dann erfreulich, wenn sie nicht ausgenutzt werden und das ist ja leider meistens der Fall.

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Jetzt ziehen wieder dunkle Wolken auf und gleich gießt es sicher wieder aus Eimern. Schade, dass es nicht noch mal so richtig schön sonnig sein kann. Aber meine Farbe habe ich und ich ähnele was das betrifft, der Farbe des Lamas schon recht klar. Muss an der dünnen Luft liegen, oder wie G. sagte, am Ozonloch.

Ich bin wirklich froh, dass ich hier sein konnte und es hat auch einen großen Abstand gegeben. Zwar nicht so einen großen, wie ich erhofft hatte, aber doch die nötige Kraft und neue Sichtweisen und Erkenntnisse, die einem das Leben wirklich verschönern und auch erleichtern.
Das bedeutet nicht, dass mein Leben ab sofort grandios und wunderbar und so was von einfach sein wird. Das bedeutet nur, dass man verinnerlicht hat, was Leid eigentlich ist, sein kann, sein sollte. Es kommt auf unsere Sichtweise an, in Allem.

Es gibt keinen besonderen Anspruch auf „richtiges“ Leid. Richtiges Leid gibt es nicht. Leid ist eine sehr intime und subjektive Sache. Was für den einen ein Klacks ist, ist für den Anderen etwas total schreckliches.

Ich bin nicht frei vom Ed-Leid, noch nicht. Aber die Scheidung, die zwei Wochen davor, seine Lügen, auch meine gutgläubige rosarote Brille, mein „Nicht-sehnen-wollen“, das Vertrautsein wieder, das Intime, vermeintliches Glück, all diese Dinge in den zwei Wochen und dann der Fall, mitten auf den Asphalt, ganz bewusst so von ihm herbei geführt, hat gewirkt und gearbeitet in mir.

Ich habe eine absolute Auszeit gebraucht und Gott sei Dank auch bekommen. Ich war absolut am Tiefpunkt und bin nun wieder Oben.

Aber in solchen Momenten merkt man, dass man nicht ganz alleine da steht. Es gab genügend Momente, wo ich ganz alleine war, total verzweifelt und mich sehr einsam gefühlt habe. Da lernt man sich sehr sehr gut kennen. Befindet man sich in so einer Phase kann man auch nicht mehr offensiv nach Außen treten und um Hilfe bitten. Das Einzige was noch gerade so machbar ist, dass man einen Strohhalm greift, der einem hingehalten wird.

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Ich komme auch nicht als neuer Mensch wieder, aber ein bisschen anders, verändert schon. Ich werde von hier eine Menge mitnehmen und bin gespannt, wie das meinen Alltag, mein eigentliches Leben verändern wird.

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21:00 Uhr

Der Dalai Lam