01. August 2005
Montag

7. Tag

10:04 Uhr

Eben habe ich die Buchhalterin getroffen. Wie Buchhalterinnen nun mal sind, wurde ich direkt zum Blumenzupfen ab kommandiert. So was nehme ich ja dankbar an. Vorher durfte ich ja nie. Hat sie aber nicht sonderlich interessiert und mich erstmal zusammen gefaltet. Macht mir aber Nichts und hat mich auch nicht gestört.

Vermutlich werde ich gleich zu irgend einer anderen Arbeit ran gezogen.

Mein Flugvolk belagert mich wieder. Na, die sind wieder nett und wollen ein Schwätzchen halten, hab zu tun gehabt, ging eben nicht. Ich überlege, was ich nachher noch machen kann, wenn ich einmal schon dabei bin. Vermutlich Löwenzahn aus dem Rollsplitt bei den Steinplatten ziehen. Mal schauen, ob mir das gelingt. Dürfte nicht so schwer sein. Wenn Dieter wieder da ist, frage ich ihn mal.

Heute kommt das Dach der Stupa. Die Spedition ist überfällig und Alle sind nervös. Aus Tibet. Bin ja mal gespannt. Die Kisten kamen direkt von Tibet nach Frankfurter Flughafen und von da mit Spedition ins Kloster.

Es wird Zeit, dass ich morgen wieder fahre, meine Gedanken fangen an, sich zu drehen und sind nicht mehr frei. Die Zeit hier geht zu Ende und es wird wieder hektisch in mir. Schade.

10:44 Uhr

Umgezogen, mit Kaffee gekleckert und versucht, meine Nervosität wegen morgen in den Griff zu kriegen. Das Leben hat mich bald wieder in den Griffeln.

Ach, da ging gerade die Buchhalterin und beäugte argwöhnisch die Blumen. Aber ich habe gut gezupft und so kann sie sich nicht wirklich beklagen. Ich überlege heftig, welche Lebensregeln es im Buddhismus dafür gibt, Toleranz und Geduld! Ja. Respekt und Achtsamkeit. okok. Mal versuchen!

Aus meinem Ring habe ich meinen Stein verloren. Sollte wohl so sein. Was soll’s, davon bricht keine Welt zusammen, schon mal gar nicht meine.

Die Sonne kommt langsam raus, es ist immer noch diesig und irgendwie bin ich lustlos. Mein Magen macht wieder Zicken und ich frage mich ob die Schreiberei überhaupt einen Sinn macht.

Ob ich überhaupt auf diesen Planeten gehöre? Oder ist das jetzt nur wieder die innere Unruhe wegen morgen?

Der Hausmeister ist wieder da und nun werde ich ihn mal fragen, was ich nun weiter tun kann, kehren, Unkraut zupfen usw.

Telefonklingeln irgendwo, Hundegebell, laute Stimmen…. Irgendwie ist das Alles nicht mehr so, wie zu Anfang, meine Zeit ist wohl langsam um.

Gerade kam der Lama und fragte, ob Alles ok ist. Ja, klar. Was soll ich auch anderes sagen? Dass ich lieber hier bleiben würde? Dass der Lärm schrecklich ist? Dass ich nicht nach Hause will? Tja. Als Zufluchtsort war es hier genau das Richtige. Eine Auszeit, nicht mehr, nicht weniger. Morgen heißt es wieder  „Ran an die Buletten“ und der Alltag und Kampf beginnt von Neuem.

Es fällt mir momentan schwer, etwas von diesen Tagen in den Alltag mit zu nehmen, so unwirklich erscheinen mir jetzt die letzten Tage. Mal schauen wie es gelingt und ob es überhaupt sein muss.

Mein Magen dreht durch.

18:00 Uhr

Nach einem kurzen Schläfchen, sitze ich hier mit meiner vorletzten Tasse Kaffee am letzten Tag auf meiner Holzbank und schreibe nochmals.

Total euphorisch motiviert habe ich den KOMPLETTEN Rollsplitt von Löwenzahn befreit. Ungeachtet der Tatsache, dass der Stechspaten am Ende kaputt war. Danach schweißnass, musste ich dann entdecken, dass zwei Blasen meine rechte Hand feierlich zierten. Der Stechspaten hatte wirklich ganze Arbeit geleistet.

Irgendwie habe ich mir ein Pflaster besorgt und die Steinstufen gefegt, die Stufen zur Waschküche runter und hinten wieder hoch. Mir von Dieter einen Rechen geben lassen und den Rollsplitt, am Buddha unter dem Baum gerecht, so gut wie ich nur konnte. Aber gesehen hat man nicht sonderlich viel, obwohl Dieter das ausdrücklich bejahte.

Danach hab ich was gegessen und auf dem Bett vor mich hin gedämmert, leicht frustriert, so ko. zu sein. Doch das Flugvolk ließ mich nicht in Ruhe und schwirrte mir penetrant um die Ohren. Irgendwann habe ich dann einen kurzen Schrei gelassen und gemotzt und da waren sie ruhig und haben sich  verkrochen. Ich glaube, die werde ich vermissen.

Die Kammer habe ich rausgesaugt, aufgeräumt, Bad sauber gemacht. Soweit ist Alles klar.

Die Zeit rast wirklich und egal wie es uns geht und was wir machen, es geht immer weiter. Die Zeit hält nicht eine Sekunde mal an, obwohl ich doch schon manchmal hier das Gefühl hatte. Es gibt Momente im Leben die haben einen ganz besonderen Glanz und fühlen sich an, als wenn sie für die Ewigkeit bestimmt wären.

Das Dach der Stupa ist endlich angekommen! Alle waren nervös, letztendlich waren es zwei kleine Kisten. Mehr nicht. Tja und ich dachte, großes Tamm-Tamm. Nein, falsch.

Heute waren auch Gäste, die schon einige Tage hier sind, in meiner Kammer, einfach mal zum schauen. Alle sprachen englisch und ein Tibeter (nehme ich an), ein älterer kleiner sympathischer Mann, schaute sich langsam um. Alle Leute bewegten sich um ihn und wollten erklären und machen und tun. Ich stand mit Dieter Draußen damit in der Kammer alle Gäste Platz hatten. Als sie wieder geschäftig nach Außen traten, lächelte besagter älterer Mann, verneigte sich mit gefalteten Händen und bedankte sich. Ich mit meiner knisternden Lidl-Tüte… was tat ich???? Ich machte das Gleiche!!!! Ich war von mir selbst erstaunt. Kaum zu glauben, automatisch und dabei fühlte ich mich auch noch wohl. Wirklich schräg, dachte ich, als Dieter mich anstarrte und grinste.

Mit dem Verwalter, dem Chef sozusagen, habe ich eben gesprochen. Ob ich das hier gefunden hätte, was ich gesucht habe, frug er mich. Natürlich! Ich bejahte es und bedankte mich noch mal für die freundliche und rücksichtsvolle Aufnahme, die Akzeptanz, dass ich für mich sein konnte.

Heute habe ich mich wohl doch verausgabt. Peinlich. Ich fühle mich nicht besonders und mir wäre es lieber, es wäre schon Dienstag. Hoffentlich dauert es morgen nicht zu lange, bis ich abgeholt werde.

Mein Geschirr&Co. habe ich schon wieder zurück in die Küche des Klosters gebracht, wo ich es mir ja ausgeborgt hatte. Brauche ich ja nicht mehr.

Was nehme ich von hier mit? Gedanklich!

„Tue das, was Du gerade tust, so gut wie möglich!“

Das nehme ich mit. Daran musste ich auch beim Löwenzahn und fegen dran denken.

[….]

20:45 Uhr

Gut, dass ich nicht länger hier bleibe. Ich vermisse das Gefühl geliebt zu werden, einfach so von einem Mann. Punktum.

[….]

Bin auf morgen gespannt und freue mich, endlich wieder nach hause zu kommen, obwohl ich diese Wohnung nicht mehr mag. Aber die wird umgeändert!!!! Werde mir jetzt noch den letzten Kaffee machen.

Was nehme ich noch mit?

Leiden ist eine subjektive Sache, Betrachtungsweise, etwas intimes, das uns Schmerz verursacht, aber das wir nicht kampflos und einfach so hinnehmen und ertragen müssen. Den Schmerz umwandeln, wenn man sich vor Augen führt, dass er rein gar nichts an meiner momentanen Situation ändert. Egal wie sehr ich leide, die Tatsachen ändern sich deswegen nicht.

Schmerz und Leid lähmt und schadet nicht nur uns, sondern auch den Menschen und der Umwelt, um uns. Sie leiden mit, wenn sie uns wohlgesonnen sind.